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Dem Tod nur knapp entronnen

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Alt 04.03.2007, 19:34   #1
Kiffing
Dem Tod nur knapp entronnen

Nachdem die Partie bis zum 36. Zug einen äußerst starken, stringenten und logischen Verlauf nahm, brach das Niveau ab diesem Zeitpunkt im Endspiel dann vollständig zusammen. Die Tatsache, daß ich vorher den Vorteil einer besseren Bauernstruktur errungen hatte (der Gegner verblieb mit zwei Isolanis), verhalf mir nicht zu einem schulmäßigen Abschluß. Anstelle diesem gab es ein fürchterliches Fehlerorchester und überboten sich beide Parteien geradezu mit schauderhaften Zügen, wobei mir das Glück zugute kam, nicht den letzten Fehler produziert zu haben. Dennoch gab es in diesem Springerendspiel einige überaus lehrreiche Szenen.

Kiffing (1580) vs. Günter Koster (1497)
1. Bezirksliga, Brett 8
Eröffnung: Französisch/Rubinstein-Variante

1. e4 e6
2. d4 d5
3. Sc3 dxe4
4. Sxe4 Le7
5. Sf3 Sf6
6. Sxf3 Lxf6
7. c3 0-0
8. Ld3 Sd7
9. Dc2 g6
10. Lf4 c5
11. Ld6 Le7
12. Lxe7 (das im 11. Zug eingeleitete Manöver brachte es mit sich, daß Schwarz seinen guten Läufer abtauschen mußte, so daß mein starker und sein schwacher Läufer auf dem Brett verbleiben)
12. ...Dxe7
13. 0-0 += b6
14. Tfe1 Lb7
15. Le4 Sf6
16. Lxb7 Dxb7
17. dxc5 (schwächt die gegnerische Bauernstruktur, der mit zwei Isolanis am Damenflügel verbleibt. Für ein evtl. beginnendes Endspiel habe ich nun ein Faustpfand in der Hand)
17. ...bxc5
18. Tad1 Tfd8
19. Txd8+?! (die erste Ungenauigkeit meinerseits. Ich übersehe, daß das anvisierte 20. Td1 an 20. ...Txd1+ 21. Dxd1 Dxb2 scheitert...)
19. ...Txd8
20. Te2 (um auf der d-Linie dagegenzuhalten muß der Turm nun auf d2 gehen, um den o. a. Bauernverlust zu vermeiden)
20. ... Td6 (R)
21. Td2 (aufgrund der besseren Bauernstruktur lehne ich das Remisangebot ab)
21. ...Txd2
22. Dxd2 Dd7 (mehr Probleme hätte mir 22. ...De4 bereitet, was ich auch als stärker empfinde)
23. Dxd7 Sxd7
24. Kf1 e5
25. Ke2 f5! (der Gegner spielt konsequent seinen Trumpf der Bauernmajorität am Königsflügel aus. Ich selbst versuche, auf dem Damenflügel die schwarzen Isolanis unter Beschuß zu nehmen)
26. Sd2 e4
27. f3 exf3+
28. Sxf3 Kg7
29. Kd3 Kf6
30. Kc4 g5
31. Kd5 g4
32. Se1 f4
33. Ke4 Kg5
34. Sd3 (stark ist 34. c4! mit Fixierung des Bc5)
34. ...Sf6+
35. Ke5 Sd7+
36. Kd6 (stärker ist 36. Ke6, weil dies neben dem Angriff auf Bauer und Springer ein 36. ...Sf6 prohibiert)
36. ...c4!? (sehr wagemutig gespielt. Der Textzug bietet Weiß eine Einschußchance, die auf diesem Niveau aber nur sehr schwer aufzuspüren ist. Objektiv stärker ist 37. Ke6 (wird der Bc5 geschlagen, läuft Schwarz nach 37. ...f3 durch) f3 38. gxf3 gxf3 39. h4+! Kxh4 40. Kxf6 c4 41. Sf2 Kg3 42. Se4+ Kg4 mit Remisschaukel).
37. Sf2? (37. Sxf4! verwarf ich, weil ich nach 37. ...Kxf4 38. Kxd7 Ke3 fürchtete - zu Unrecht, denn Weiß gewinnt nach 39. Ke6 Kf2 40. Kf5, weil Weiß jederzeit einen Freibauern mit b3 bilden und in Bewegung setzen kann. Auch 38. ...g3 39. hxg3 Kxg3 40. b3 cxb3 41. axb3 Kxg2 42. c4 h5 43. c5 h4 44. c6 h3 45. c7 h2 46. c8D h1D 47. Db7+ gewinnt)
37. ... Sf6
38. Ke5 h5
39. Se4+?? (verkennt vollends die schwarze Durchbruchsgelegenheit. Es hilft nur noch 39. b3 h3! 41. bxc4 g3 42. hxg3 fxg3 43. Sd3 g2 44. Se1! (verhindert 44. ...g1D?? wegen 45. Sd3+ +-) 44. ...g1S! unklar)
39. ... Sxe4 -+
40. Kxe4 h4
41. b3 (auf den Bauerndurchbruch hatte ich gehofft und wähnte mich auch im Sieg, von dem chronischen Pessimismus einmal abgesehen, daß irgendetwas schon noch schiefgehen wird. Ich dachte bzw. hoffte zu Unrecht, daß mein Freibauer durchläuft, während ich Schwarz auf dem anderen Flügel noch aufhalten könne)
41. ...cxb3
42. axb3 h3?? (jetzt geht meine Rechnung auf. Es gewann der lehrreiche Durchbruch 42. ...f3!! 43. gxf3 g3! und Schwarz gewinnt)
43. gxh3 +- f3
44. Ke3
1-0

Fehlerquote bei 0,3 Bauerneinheiten Fehlertoleranz laut Fritz8:
Kiffing: 4
Koster: 4

Linkes Diagramm: 37. Zug: Weiß verpaßt den forcierten Gewinn
Rechtes Diagramm: 42. Zug: Schwarz verpaßt den Sieg, einen kombinatorischen Durchbruch
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Alt 04.03.2007, 21:18   #2
Xenon
Dem Tod nur knapp entronnen

So ich hab mir die Partie mal angeschaut:
Statt 10.Lf4 wäre vllt. auch Lh6 eine Idee gewesen
Im 14.Zug hätte ich Le4 gespielt um auf Tb8 Tad1 Lb7 mit d5! deine bessere Figurenaktivität auszuspielen.
Statt 19. Txd8 wäre wohl Se5 angezeigt gewesen -der Turmtausch läuft nicht weg, wobei das allgemein glaube ich die falsche Strategie ist, gerade die Türme sind im Kampf gegen isolierte Bauern ja eine gute Waffe.
Mit 22....Dd7 spielt dein Gegner dir wieder alle Karten zu, die du dann mit dem Damentausch auch gerne annimmst.
Ich denke mit den Damen auf dem Brett sind die isolierten Bauern eher zu vernachlässigen, so werden sie zur Schwäche.
Danach bewegst du ganz richtig deinen König zum Zentrum hin, was im Endspiel ja meist sinnvoll ist.
Die taktische Möglichkeit Sxf4 hast aus genannten Gründen nicht gespielt, war zugegenermaßen auch nicht ganz einfach zu berechnen.
Danach hab ich das Gefühl, dass die Stellung recht remisig aussieht, auch wenn ich mir nicht sicher bin.
Sxe4 sollte eigentlich die Partie einstellen, wobei du natürlich riesiges Glück hast, dass dein Gegner den Durchbruch nicht bemerkt und dir seinerseits mit h3 den Sieg schenkt.

Die Partie begann eigentlich recht ansprechend und du konntest deinem Gegner 2 schwache Bauern zufügen, danach hast du es nicht so recht geschafft diese Schwächen zu nutzen, und die Stellung sah eher nach einem Unentschieden aus. Danach wechseelten die schweren Fehlzüge von einer Seite zur anderen wobei du am Ende der Glücklichere warst.

Aus dieser Partie würde ich schließen, dass du
1. an deiner Rechenfähigkeit trainieren solltest und dir
2. Übergänge von Endspielen mit Figuren in Bauernendspiele anschauen solltest.

mfg und Glückwunsch zum Sieg
Xenon
 
Alt 05.03.2007, 10:26   #3
Geck0tierchen
Dem Tod nur knapp entronnen

Insgesamt eine sehr anspruchslos gespielte Partie. 6.Ld3 anstatt von 6.Sxf6+ ist da ein kleines Indiz für, ein sehr viel größeres ist allerdings das Unterlassen von h4 (mit und ohne lange Rochade)! Mit der kurzen Rochade verbleibt Weiß mit einem genügsamen += (wenn überhaupt), dass dem Schwarzen allerdings kein Kopfzerbrechen bereiten muss.

10.h4 oder auch erstmal vorbereitendes 10.Lh6 Te8 11.O-O-O nebst späterem h4 (und immer auf die Gegenchance e5 aufpassen, auch wenn die gar nicht immer so befreiend ist) sieht sehr vielversprechend aus.

mit 17.dxc5 auf die Bauernstruktur spielen zu wollen, ist natürlich ok (viel mehr kann man in der Stellung wohl nicht machen..), aber Schwarz sollte auch hier keine große Angst haben. Mit noch ALLEN Schwerfiguren auf dem Brett hat das ganze noch einen so starken Mittelspielcharakter, dass dynamische Aspekte eine kompensierende Rolle einnehmen können (Spiel auf der b-Linie etc.). Gerade hier scheinst du dir überhaupt keine Gedanken gemacht zu haben, denn nach 22...De4 steht nun wirklich eher Schwarz besser.

Das Endspiel sollte (natürlich) remis sein. Beide Spieler begehen aber derart schlimme elementare Endspielfehler (26...Kf7 anstatt von 26...e4 ist da ein exemplarisches Beispiel) und zeigen keinerlei Rechenleistung.

Endspiele kann und muss man durchrechnen, denn hier ist dank des MInusmaterials alles besser überschaubar und alles forciert.

Weiß hätte sich also dazu aufraffen müssen, Sxf4 bis zum endgültigen Ende durchzurechnen. "Gefühle" spielen in Endspielen keine Rolle ("wenn man auf der Straße ein hübsches Mädchen sieht, weiß man nicht, ob sie trotz des guten Gefühls die richtige ist" - Bangiev).

Bei Se4+ muss man keine 5 Züge weit rechnen, um den forcierten Verlust zu sehen.



Zusammenfassung:
Spiel weniger genügsam / arrogant (eine Partie gewinnt sich weder von alleine noch durch zwei Isolanis)
Arbeite an deiner Variantenrechnung.
 
Alt 05.03.2007, 11:17   #4
Dave
Dem Tod nur knapp entronnen

Zitat:
Zitat von Geck0tierchen Beitrag anzeigen
Endspiele kann und muss man durchrechnen, denn hier ist dank des Minusmaterials alles besser überschaubar und alles forciert.

Weiß hätte sich also dazu aufraffen müssen, Sxf4 bis zum endgültigen Ende durchzurechnen. "Gefühle" spielen in Endspielen keine Rolle ("wenn man auf der Straße ein hübsches Mädchen sieht, weiß man nicht, ob sie trotz des guten Gefühls die richtige ist" - Bangiev).

Bei Se4+ muss man keine 5 Züge weit rechnen, um den forcierten Verlust zu sehen.
Zu der Partie muss ich sagen, dass ich gestern im Mannschaftskampf neben Kiffing saß.
Beide Spieler spielten extrem schnell.
Die ersten 10 Züge waren ja eigentlich ganz normal.
Aber dann darf man sich gut und gerne auch mal mindestens eine Viertelstunde Zeit lassen und das Mittelspiel planen.
Das anspruchslose 10.Lf4 hast du nach noch nicht einmal 5 Minuten gespielt.
10.Lh6 scheint aktiver und 14.Le4 hätte ich wie Xenon ebenfalls bevorzugt.

Im 19. Zug spielstest du wieder viel zu schnell Kiffing.
Nach 19...Txd8 wolltest du 20.Td1 spielen und merktest erst dann, dass dann der Bb2 hängen würde. Das hättest du auch gemerkt, wenn du dir vorher einen Zug länger Zeit gelassen hättest!

42...h3?? spielte dein Gegner wiederum nach nicht einmal einer (!) Minuten, obwohl ihr beide noch Zeit zum Abwinken hattet.

Glückwunsch zum Sieg, Kiffing
 
Alt 05.03.2007, 23:03   #5
WilhelmHH
Dem Tod nur knapp entronnen

Zitat:
Zitat von Kiffing Beitrag anzeigen
(37. Sxf4! verwarf ich, weil ich nach 37. ...Kxf4 38. Kxd7 Ke3 fürchtete - zu Unrecht, denn Weiß gewinnt nach 39. Ke6 Kf2 40. Kf5, weil Weiß jederzeit einen Freibauern mit b3 bilden und in Bewegung setzen kann.
Auch 39. ...Kd3 verliert wegen 40.Kd5
 
 

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